„Leider habe ich keine andere Geschichte!“

Foto aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Abba_Naor#/media/Datei:Foto_Wolfgang_Hauck_2018-05-04_Abba-Naor.jpg, 11.05.2021

Der Holocaust-Überlebende Abba Naor berichtet digital an der Realschule Weilheim

 

Einer der Schwerpunkte im Geschichtsunterricht der 9. und 10. Klassen ist die Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

Leider machte uns Corona einen Strich durch die Rechnung und so war es nicht möglich, dass die 10. Klassen dieses Schuljahr die KZ-Gedenkstätte Dachau besuchen konnten.

Umso mehr freute es uns, dass die KZ-Gedenkstätte zusammen mit Herrn Abba Naor es uns ermöglichte, an einem digitalen Zeitzeugengespräch im Mai teilzunehmen.

Und so erzählte Herr Naor seine Lebensgeschichte und warnte die Schüler vorher:

„Leider habe ich keine andere Geschichte. Es wird langweilig.“

 

Abba Naor wurde am 21.03.1928 in Litauen geboren und verbrachte dort in Kaunas eine „wunderbare Kindheit“: „Die Menschen lebten zusammen und mit-, nicht nebeneinander.“, so Abba Naor.

Diese Kindheit wurde jäh unterbrochen, als im Juni 1941 Nazi- Deutschland die UdSSR angriff und auch Litauen sowie das gesamte Baltikum eroberte.

Die Ressentiments gegen die jüdische Bevölkerung in Litauen verstärkten sich, plötzlich stellten sich die eigenen Nachbarn gegen die Familie von Abba Naor.

 

Es wurde bald beschlossen, in Kaunas ein Ghetto zu errichten, in welchem auch Abba Naor mit seinen Eltern sowie seinen zwei Brüdern landete. Sein älterer Bruder wurde eines Tages erschossen, weil er verbotenerweise Brot gekauft hatte und dabei erwischt wurde.

Seinen kleinen Bruder konnte Abba Naor vor den Schergen der Nationalsozialisten erfolgreich verstecken.

„Es ist nicht leicht darüber zu reden und jedes Mal ist es so, als würde ich es wieder durchleben.“

Da das Ghetto bald überquoll und die Front immer näher rückte, wurden Abba Naor und seine übrige Familie Mitte 1944 in das Lager Stutthof in Polen deportiert.

Dort angekommen, trennte man Abba und seinen Vater von seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder.

Er sah beide nie wieder, denn sie wurden als arbeitsunfähig eingestuft und wenig später in Auschwitz vergast.

Das Lager Stutthof war nur ein Durchgangslager und so landete Abba Naor nach tagelanger Fahrt in einem Viehwaggon und ohne Verpflegung in Utting, wo er täglich zwölf Stunden arbeiten musste. „Hunger war unser ständiger Begleiter. Aber ich wollte leben!“

Allerdings gab es auch gute Menschen, auch wenn deren Zahl nicht sehr hoch war.

In Utting beispielsweise wurden sie heimlich von der Bäckerin und ihrer Tochter mit Brot versorgt.

Wenige Monate später ging er freiwillig in das Außenlager Kaufering („Mein größter Fehler.“), da er dort seinen Vater vermutete – vergeblich. Hier war das Leben noch härter, die Bedingungen noch grausamer.

Ende April 1945 wurde Abba Naor auf einen Todesmarsch von Dachau aus über Bad Tölz geschickt und erst am 2.Mai in Waakirchen von den Amerikanern befreit.

Die Schülerinnen und Schüler hatten im Anschluss daran noch Zeit, um Herrn Naor persönliche Fragen zu stellen.

Er warb um Toleranz, erinnerte die Schülerinnen und Schüler daran, nicht auf falsche Propheten, von denen es heutzutage so viele gibt, zu hören: „Es geht euch gut.“

Wichtig war Herrn Naor im letzten Teil, dass das Geschehene nicht vergessen werden darf:

„Und solange ich da bin und mit euch reden kann, wird das nicht geschehen. Ihr habt es gehört, so etwas kann man nicht erfinden.“

Eindrucksvoll, nachdenklich, mit schonungslosen Bildern hinterlegt, mit vielen Fragen seinerseits an die Geschichte sowie an sich selbst und – für viele überraschend – gespickt mit feinem Humor, so schilderte Abba Naor seine Geschichte – auf alle Fälle nicht langweilig!

Jakob Kienberger

Fachschaft Geschichte

(Foto aus: de.wikipedia.org/wiki/Abba_Naor, 11.05.2021)